Neugründung der DGSF Fachgruppe Kritische Systemik

Gemeinsam mit meinem Arbeitskreis zur kritisch-theoretischen Rekonzeptualisierung der Systemtheorie habe ich eine DGSF Fachgruppe gegründet. 

Wir freuen uns sehr, dass die Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie e. V. unsere Arbeit nun rahmt und unterstützt.

Wir verstehen systemische Theorie und Praxis als Einladung und Chance, intersektionale soziale Ungleichheit, normatives Wissen und übergeordnete strukturelle Rahmenbedingungen unserer Gesellschaft in der Arbeit mit unseren Klient*innensystemen gezielt mitzudenken, sie also kritisch-theoretisch einzuordnen.

Die subjektiven Wirklichkeitskonstruktionen, die oft als Kontext für Systeme erscheinen, sind ihrerseits oft als strukturelle oder normative Systeme höherer Ordnung definierbar. So könnte es sich lohnen, diese verschachtelten Systeme im Sinne gesamtgesellschaftlicher, historisch gewachsener und situativ ambivalenter Macht- und Herrschaftsverhältnisse ebenso in den Blick zu nehmen, um Veränderungspotenziale zu ergründen.

Hier ein Beispiel, wie sich unser Blick in der Praxis niederschlagen kann:

Eine Klientin leidet unter Erschöpfung und massiven Schuldgefühlen, weil sie den Anforderungen ihrer Ehe nicht gerecht wird. Statt dies rein als individuelles psychisches Problem oder als Störung der Paardynamik zu behandeln, ordnet die Kritische Systemik ihr Erleben in patriarchale Herrschaftsverhältnisse ein. Das kann bedeuten, die Institution der Ehe als Institution mitzudenken, die bestimmte Menschen ungleich stärker in Abhängigkeitsverhältnisse bringt, etwa Frauen, ökonomisch Benachteiligte, Eltern, Menschen ohne sicheren Aufenthaltsstatus etc.

In diesem Kontext ist die Option „Trennung“ eine Frage der Machtverhältnisse. Eine kritisch-systemische Perspektive kann bedeuten, hier die strukturellen Bedingungen zu validieren, statt die Klientin durch den Fokus auf „eigenverantwortliche Entscheidung“ indirekt für ihr Verharren in der Situation verantwortlich zu machen.

Unser Ziel ist daher, die Fäden der Systemtheorie, die ihrerzeit keine Scheu vor mutigen interdisziplinären Verbindungen hatte, wieder aufzunehmen und mit aktuellen Debatten der Soziologie, Philosophie und politischen Theorie zusammenzudenken. Zu diesem Zweck hinterfragen wir theoretische Grundannahmen und Axiome der Systemik, mit der Idee vor Augen, uns selbst in unserer Praxis zu sensibilisieren und den Theoriekanon zu aktualisieren und weiterzuentwickeln.

Unsere Treffen finden in hybrider Form statt. Meldet euch gern bei uns für mehr Infos, Interessierte sind herzlich eingeladen, sich zu beteiligen! 

Andreas Bernhardt | Miriam Pietras | Jenni Werner | Şengül Yalcin Ioannidis